

Vor Kurzem besuchte ich Berlin und hatte dort eine Eingebung: Ich nahm dieses scheinbar unsinnige Foto auf. Das wichtigste Element in diesem Bild ist das ungleiche Paar Schuhe unten in der Ecke. Und die Plakate auf Augenhöhe bilden den Titel: Italien und Deutschland.

Die Arbeit mit Italienisch und Deutsch ist ein einzigartiges Erlebnis, das den Verstand ebenso fordert wie beflügelt. Mit ihren einzigartigen Merkmalen und kulturellen Facetten sorgen diese zwei Sprachen in meiner täglichen Arbeit für eine faszinierende Dualität.
Die Aufnahme entstand am Samstag. Zum Mittagessen am Sonntag traf ich mich mit einer Freundin, die Literatur aus dem Arabischen ins Italienische übersetzt. Sie lebt in Berlin, spricht aber nur wenig Deutsch, und wollte daher unbedingt ihre Beobachtungen mit mir teilen: „Warum scheinen sich die deutschen Menschen immer supergenau auf das zu konzentrieren, was man sagt?“, fragte sie. „Sie starren dich an, bis du den Satz zu Ende gesprochen hast!“
Zuerst lachte ich darüber. Denn natürlich ist Italienisch eine deutlich emotionalere Sprache, bei der auch die Körpersprache eine große Rolle spielt. Wir neigen dazu, uns ständig gegenseitig zu unterbrechen. Und starren wahrscheinlich mehr, als wir zugeben wollen.
Doch ihre Frage beeindruckte mich. Ich erklärte, dass ihre Beobachtung wahrscheinlich auch mit der Struktur der deutschen Sprache zusammenhängt. In einer Unterhaltung formulieren die Menschen oft komplexe Sätze, nicht nur einfache, parataktische Strukturen. Und in deutschen Nebensätzen steht das Verb in der Regel ganz am Ende.
„Damit wird die wichtigste Information bis zum allerletzten Moment zurückgehalten“, erklärte ich ihr. „Die deutschen Menschen haben daher gelernt, bis zum Ende des Satzes aufmerksam zuzuhören, damit sie die Bedeutung auch wirklich korrekt erfassen.“
Dieser kurze Austausch zeigt, was ich an meiner Arbeit so liebe. Es sind diese sprachlichen Feinheiten, diese kulturellen Nuancen, die in der Sprache ihren Ausdruck finden und den Tanz mit Italienisch und Deutsch so faszinierend machen.
Denn genau dieser Gegensatz gibt meiner Arbeit einen besonderen Sinn. Das Zusammenspiel dieser beiden sprachlichen Welten bietet Einblicke und eröffnet Perspektiven, die andere Menschen, die nur eine Sprache sprechen, vielleicht nie erleben dürfen. Es fühlt sich an, als hätte man geheimen Zugang zu zwei unterschiedlichen Ansätzen, die Welt zu sehen und sich in ihr auszudrücken. Während die deutsche Sprache Bedeutung durch Struktur und Präzision entstehen lässt, spielt Italienisch mit Kontext und Nuancen – und die Arbeit an dieser Schnittstelle legt die einzigartige Genialität diesen beiden Sprachen offen.
Ich habe schätzen gelernt, wie der natürliche Fluss der italienischen Sprache starre deutsche Texte und Sätze sanfter und damit ansprechender machen kann. Ideen, die auf Deutsch nüchtern oder klinisch klingen, erhalten mit der italienischen Melodie eine herzlichere, zugänglichere Facette. Gleichzeitig hilft mir die präzise Denkweise, die ich bei meiner Arbeit mit deutschen Texten entwickelt habe, in blumig formulierten, italienischen Sätzen ganz klar die grundlegende Bedeutung zu erfassen. Bei aufwändigen italienischen Formulierungen, die um einen Gedanken herumschweifen, leitet mich mein Gefühl für die deutsche Direktheit sicher zur Kernaussage.
Diese sich ergänzenden Stärken machen das, was man als Herausforderung sehen könnte, zu einem Vorteil. Beide Sprachen eröffnen eine Perspektive, aus der man besser in die andere Sprache eintauchen kann.
Während sich also meine tägliche Arbeit anfühlen kann, als sei ich in einem Paar ungleicher Schuhe unterwegs, habe ich gelernt, diese einzigartige Reise zu genießen. Sie führt mich durch die wunderschöne Vielfalt der menschlichen Ausdruckweise und die Brücken, die wir mithilfe von Sprache zwischen Kulturen schlagen können.
Feiern wir also unsere ungleichen Sprachpaare. Sie geben uns ein besonderes Bewusstsein, heben uns von der Masse ab und entführen uns auf unerwartete Abenteuer. Und ich? Ich tanze weiter zwischen meinen beiden Welten der italienischen und der deutschen Sprache und gehe dorthin, wohin meine ungleichen Schuhe mich tragen.
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